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Philosophie als Lebenshilfe

Philosophie als Lebenshilfe

Taugen die alten Schriften der »großen Denker« als Ratgeber?

Eine Besonderheit meiner Arbeit bildet der Schwerpunkt »Philosophie als Lebenshilfe«. Mein frühes Interesse an abendländischer Philosophie, das sich nach dem Studium fortsetzte, fließt auch in meine heutige Arbeit als Gesundheitspraktiker ein. Denn es wäre töricht, meine ich, den unschätzbaren Reichtum des abendländischen Denkens außer Acht zu lassen, wenn es um Antworten und Stabilität in persönlichen Krisen geht.

Philosophie war mir aus einem einfachen Grund schon immer sehr sympathisch: In ihr ist die Sinngebung dem Suchenden überlassen. Anders als Religion empfand ich die Philosophie schon immer als offen und frei, als herausfordernd und ungemein spannend! Im Jahr 2008 schrieb ich für das Deutsche Goethe-Institut einen Artikel mit dem Titel »Philosophie als Lebenshilfe?«, den ich hier in verkürzter Form wiedergeben möchte, denn damals hatte ich zum ersten Mal die Idee, das zu tun, was ich heute als Dienstleistung anbiete: Philosophie mit einem ganz konkreten Unterstützungsangebot als Gesundheitspraktiker zu verbinden ...

Philosophie als Lebenshilfe?

Diese Überschrift – mit einem Fragezeichen versehen – ist mit Bedacht gewählt. Ist Philosophie Lebenshilfe? Kann sie das sein, will sie das überhaupt? Dieser Umstand ist bemerkenswert, denn vergleichbare Überschriften wie „Mathematik als Rechnen?“ oder „Sport als Bewegung?“ empfände jeder als absurd. Aber die Philosophie in ihrer ureigensten Eigenschaft infrage zu stellen, scheint völlig normal. Was ist geschehen? Hat sich die Philosophie vom Menschen entfernt?

Die Grundfragen der Philosophie

Der Lebenshilfesektor boomt. Die Philosophie tut es nicht. Sie fristet ein Schattendasein in diesem Bereich. Fühlt sie sich wohl an den Akademien, fernab vom »echten Leben«? Wir haben uns so sehr an eine schwer verständliche, rein akademische Philosophie gewöhnt, dass die Frage berechtigt ist. Dabei ist die Antwort, schaut man auf die Ansprüche der traditionellen ebenso wie der zeitgenössischen Philosophie, eindeutig: Natürlich will sie das, und sie hat es immer gewollt; dranbleiben an den Problemen des Menschen, Orientierung geben, Antworten auf die »letzten Fragen« geben.

Von Sokrates bis Camus

Sokrates befasste sich mit ganz konkreten Fragen der Lebensführung ebenso wie sein Schüler Platon. Das Grundmotiv des Philosophierens war bei den Stoikern ebenso wie bei den Epikureern immer die Frage, wie der Mensch sein Leben richtig, erfüllt und glücklich gestalten könne. Im deutschen Idealismus formuliert der hochabstrakte Theoretiker Immanuel Kant die Grundfragen der Philosophie beispiellos konkret: »Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?« Im 20. Jahrhundert formuliert Karl Jaspers nüchtern: »Es gibt keine Sache der Philosophie, die vom Menschen loslösbar ist«, und, ebenso prominent aber deutlich leidenschaftlicher, Albert Camus: »Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie.«

Theoretische Wissenschaft oder praktische Lebenshilfe?

Die Vorwürfe gegen die akademische Philosophie, sie sei lebensfern und »dunkel aus Angst vor Verständlichkeit«, wie Ludger Lütkehaus formulierte, sind nichts Neues. Und sie mögen in Teilen berechtigt sein. Dennoch sind es eher die Ausnahmen in der Philosophie, die mit möglichst nebulösem Gerede als große Geister gelten wollen. Fachterminologien gibt es in jeder Wissenschaft. Und wer sich ernsthaft mit philosophischen Fragestellungen beschäftigt, der wird sehr schnell feststellen, dass es in der Natur der abstrakten Sache liegt, abstrakt zu formulieren. Es wäre unsinnig, der Philosophie ihr Bemühen um gesicherte Erkenntnis und systematisches Wissen vorzuwerfen. Das wäre, um im Bild zu bleiben, als würfe man der Mathematik vor, sie befasse sich zu viel mit Zahlen.

Philosophie ist keine Psychotherapie

Die Frage aber bleibt: Wie ist es um die Philosophie und ihr »Beratungspotenzial« bestellt, wenn ein Mensch in einer schwierigen Phase seines Lebens Rat, Unterstützung, vielleicht Trost, vielleicht aber auch nur Denkanstöße sucht? Zwei Dinge scheinen hier von Belang: Erstens, Philosophie ist keine Psychotherapie, die sich auf medizinische Grundlagen stützt, und auch keine Esoterik, die sich um Grundlagen gar nicht erst schert. Dennoch hat Philosophie, zweitens, sehr wohl Inhalte, die vermittelbar wären. Diese »Substanz« verfügbar zu machen, versucht zum Beispiel die »Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis«, in der sich u.a. Praktizierende vereinigt haben, die bewusst philosophische Inhalte zum Gegenstand von beratenden Gesprächen machen.

Philosophische Beratung als Kassenleistung?

Tatsächlich gibt es also so etwas; den Versuch, philosophische Inhalte in eine ganz konkrete Lebensberatung einfließen zu lassen. Allerdings gibt es vergleichbare Praxen derzeit etwa einhundert deutschlandweit, das ist verglichen mit dem enormen Angebot therapeutischer Beratung verschwindend gering. Von einer philosophischen Beratung als Kassenleistung ist die Gesellschaft noch sehr weit entfernt.

»Ein verstandenes Gewicht trägt sich leichter«

Der Fragende muss sich in der Philosophie selbst um die Antworten bemühen. Das unterscheidet die Philosophie von der Religion ebenso wie von allen populären Konzepten der Lebenshilfe. Ist am Ende nur dies der Grund für ihr Schattendasein auf dem Lebensberatungssektor? Ist es, grob gesagt, die Faulheit der Suchenden, die sie an den Rand drängt, weil sie in der Regel kein schnelles Glück und keine einfachen Lösungen verheißt? Möglich. Die Philosophie jedenfalls gibt Denkanstöße. Es kann für jemanden in einer ausgewachsenen Lebenskrise von großer Hilfe sein, sich anzuschauen, was frühere Denker zu einem ihn betreffenden Thema gesagt haben – wenn er sich die Mühe macht, nachzuschauen. Denn »ein verstandenes Gewicht«, weiß immerhin auch Peter Sloterdijk, »trägt sich leichter.«

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